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Während Jeffrey Epstein im Gefängnis sitzt, läuft sein Netzwerk weiter. Und eine E-Mail vom 6. Juni 2009 zeigt, wie erstaunlich selbstverständlich Epstein selbst in dieser Situation noch in den inneren Kreisen der amerikanischen Wissenschafts- und Tech-Elite mitredet.
Absender ist John Brockman — Literaturagent, Verleger und Gründer der Edge Foundation. Brockman war über Jahrzehnte eine Schlüsselfigur an der Schnittstelle von Wissenschaft, Technologie, Kapital und öffentlicher Debatte. Mit Edge schuf er eine Plattform, auf der jene Wissenschaftler, KI-Forscher, Physiker, Evolutionsbiologen, Psychologen und Systemdenker sichtbar wurden, die außerhalb akademischer Kreise oft kaum jemand kannte, deren Ideen aber tief in die technologische Zukunft hineinwirkten.
Brockman veranstaltete regelmäßig Treffen, bei denen sich Superreiche und wissenschaftliche Vordenker begegneten. Besonders berüchtigt waren seine sogenannten Billionaires’ Dinners: keine normalen Galas, sondern Salons der Macht. Dort ging es nicht um Smalltalk, sondern um Zukunftsmärkte, Forschung, künstliche Intelligenz, Kosmologie, Biotechnologie, Investitionen und die Frage, welche Ideen das nächste Jahrhundert prägen könnten.
Und in genau so einer E-Mail taucht Epstein auf.
Brockman fragt in die Runde, worüber Nathan Myhrvold beim nächsten Treffen im August 2009 sprechen solle. Im Verteiler stehen Namen, die für sich sprechen: Danny Hillis, George Dyson, Jeff Bezos, Larry Page, Daniel Kahneman, Nathan Myhrvold — und Jeffrey Epstein.
Man muss sich diesen Moment klarmachen: Epstein ist zu diesem Zeitpunkt verurteilter Sexualstraftäter und sitzt im Gefängnis. Trotzdem ist er nicht aus dem Kreis gefallen. Er wird weiterhin adressiert, weiterhin gefragt, weiterhin als jemand behandelt, dessen Meinung zählt. Das allein sagt viel über die tatsächliche Hackordnung in diesen Kreisen.
Und Epstein antwortet aus dem Knast heraus nicht etwa kleinlaut oder zurückhaltend. Er schreibt sinngemäß: „I still prefer my original Brooklyn Project.“
Das ist bemerkenswert.
Denn Epstein schlägt Brockman nicht einfach ein Vortragsthema vor. Er widerspricht dem Format. Er sagt im Grunde: Lasst diese brillanten Leute nicht einzeln glänzen. Setzt sie zusammen an ein Problem. Macht daraus kein intellektuelles Schaulaufen, sondern ein gemeinsames Projekt.
Das ist der Kern des Brooklyn Project: die Bündelung außergewöhnlicher Köpfe, Kapitalgeber und technologischer Visionäre, um ein großes Problem anzugehen — offenbar die Entwicklung künstlicher Intelligenz, vielleicht sogar künstlicher allgemeiner Intelligenz.
Dass Epstein diesen Vorschlag aus dem Gefängnis heraus an einen Kreis richtet, in dem Bezos, Page, Kahneman und andere Spitzenfiguren auftauchen, zeigt: Epstein war nicht nur Gast in diesem Milieu. Er verstand sich als Organisator, Impulsgeber, Architekt.
Der eigentliche Skandal liegt deshalb nicht nur in dem, was Epstein tat.
Sondern darin, wo er trotz allem noch mitreden durfte.
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Der Beitrag verfällt am 09.11.26 02:42.
